Seit fast 120 Jahren verbinden wir in der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim grundlegende Prinzipien evangelischer Diakonie mit der je zeitgemäßen fachlichen Theorie und Praxis sozialer Arbeit zu sinnvollen Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien. Ein Blick in die bewegte Geschichte unserer Institution zeigt, wie es immer wieder gelungen ist, innovative und kreative Antworten auf die Not von Kindern, Jugendlichen und Familien zu finden. So begreifen wir denn auch die aktuelle soziale Lage, mit ihren tiefgreifenden sozialpolitischen Einschnitten als Herausforderung. Im Zeitalter leerer öffentlicher Kassen soll die Einführung marktwirtschaftlicher Strukturen als eine Art universelles Allheilmittel dienen. Wir erleben gegenwärtig eine bislang beispiellose Ökonomisierung sozialer Qualität. Wir wissen jedoch darum, dass niemand mit der Einführung solcher Schlagworte und Leitlinien wie „Produkt“, „Output“, „Leistung“ alleine, den betroffenen Menschen gerecht werden kann.

In der Mitte all unserer Hilfen steht als ethisches wie fachliches Grundprinzip die Sicht des Menschen als ein dialogisches Wesen. Menschliche Entwicklung, menschliches Wachstum, wie auch die Heilung traumatisierender Erfahrungen bedarf neben allem fachlichen Können vor allem der lebendigen Begegnung, der gelingenden Beziehungsgestaltung, sie bedarf der unbedingten Achtung des Anderen. In religiöser Sprache ausgedrückt stehen wir an dieser Stelle vor der Würde des einzelnen Menschen.

Würde ist dabei durchaus anders als der vielzitierte und von der Pädagogik eingeforderte Begriff der Werte zu verstehen. Werte messen Menschen den Dingen oder auch anderen Menschen bei. Würde leitet sich theologisch ab aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen.
Der französische Philosoph E. Levinas hat den Grund aller Ethik nicht in der eigenen Person gesehen, die sich zu einer moralischen Tat entschließt, sondern es ist direkt „der Andere“, von dem der moralische Impuls ausgeht, der mich an-geht, mich an-spricht, es geht um die unmittelbare Begegnung mit dem Anderen als einzigartigem Menschen.
Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph und große Pädagoge, hat solch dialogisches Denken auch für die Pädagogik fruchtbar gemacht.
Diese programmatischen Sätze von Martin Buber stellen den entscheidenden Kern unserer Arbeit dar. Sie bilden die Grundlage für das Handeln aller unserer MitarbeiterInnen.
Wer in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation diesen Kern überhaupt ermöglichen und in der Folge schützen will, der muss sich nicht nur fachlicher Standards auf der Höhe der Zeit, sondern auch effizienter betriebswirtschaftlicher und organisatorischer Strukturen bedienen. So betrachten wir denn auch den fachlich-inhaltlichen Wettbewerb in aller erster Linie als eine Chance, um für Kinder, Jugendliche und ihre Familien in dieser Gesellschaft die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen.
Trägergesellschaft der Ev. Jugendhilfe Godesheim ist die Evangelische Axenfeldgesellschaft. Die Geschäftsführung der Trägergesellschaft und die Leitung der Ev. Jugendhilfe kooperieren eng im Sinne der genannten Zielsetzungen.
Der Name „Godesheim“ erweist sich bei näherer Betrachtung insofern als irritierend, als diese Bezeichnung suggeriert, es handele sich um eine lokale Heimeinrichtung. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Godesheim ein moderner, fachlich und regional weit verzweigter Jugendhilfeverbund. Den Namen „Godesheim“ behalten wir aus Gründen der Tradition bei.
Wichtig zu sehen sind in diesem Zusammenhang auch die in den letzten Jahren erfolgten Gründungen eigener Trägergesellschaften im Bereich der Tageseinrichtungen sowie der Behindertenhilfe. Im Verbund bildet die Ev. Jugendhilfe Godesheim fachlich – inhaltlich ein weites Spektrum im Bereich der Kinder, Jugend- und Behindertenhilfe ab.
Die Ev. Jugendhilfe Godesheim versteht sich demgemäss auch als modernes soziales Dienstleistungs- und Serviceunternehmen, das erzieherische Hilfen auf der Basis der §§ 27 ff SGB VIII erbringt.
Dabei findet das dargestellte Selbstverständnis und die damit verbundenen Werte nicht nur im Hinblick auf unser Verhältnis zu den von uns betreuten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien Anwendung, sondern auch im Hinblick auf das Verhältnis zu unseren MitarbeiterInnen und externen FachkollegInnen insbesondere der öffentlichen Träger der Jugendhilfe.
Die primäre Zielsetzung der Einrichtung besteht darin, dem betroffenen Kind/Jugendlichen im Kontext seines familiären Bezugssystems bedarfsgerechte, anpassungsfähige und lebensweltorientierte Hilfen zur Erziehung bereitzustellen. Familienunterstützende Maßnahmen (ambulante Hilfeformen) stehen dabei ebenso zur Verfügung wie familienergänzende und -ersetzende Hilfen (teilstationäre und station
Hilfen aus einer Hand

Gemeinsam mit einem hoch differenzierten Inobhutnahme- und Clearingsystem, einschließlich verschiedenster Krisendienste und telefonischer Notrufe sowie einem eigenen Schul- und Ausbildungssystem setzen sich diese Hilfeformen zu unserem Gesamtkonzept der Hilfen aus einer Hand zusammen, das weitere unnötige Beziehungsabbrüche zu vermeiden sucht.
Derzeit leistet die Ev. Jugendhilfe Godesheim mit seinen pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ca. 300–350 Hilfen, die sich an den jeweiligen Lebenslagen der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien orientieren.
Die Einrichtung verfügt dabei zurzeit über 183 vollstationäre und 30 teilstationäre Plätze. Hinzu kommen laufend ca. 100 ambulante Betreuungen für Kinder, Jugendliche und Familien sowie ein mobiles Betreuungsangebot in verschiedenen Bonner Stadtteilen. Seit dem Jahre 1989 nimmt die Evangelische Jugendhilfe Godesheim für die Bundesstadt Bonn und für einige umliegende Kommunen die Pflichtaufgaben der Inobhutnahme nach §§42,43 KJHG wahr.
Hierzu gehören unter anderem eine Notschlafstelle, eine Zufluchtstätte für Mädchen nach Gewalterfahrungen und ein Kriseninterventionszentrum (KIDZ) in dem auch fakultativ freiheitsentziehende Maßnahmen im Haus durchgeführt werden können.
Auf dem Gelände der Stammeinrichtung – der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim – wurde ein heilpädagogisch und therapeutisch orientiertes Zentrum für die Umsetzung intensivpädagogischer Maßnahmen geschaffen. Hier leben heute 68 Kinder und Jugendliche in vollstationärer Betreuung. Darüber hinaus ist auf dem Stammgelände eine heilpädagogische Tagesgruppe angesiedelt. Mit der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen städtischen Sonderschule für Erziehungshilfe wurde eine kooperative Modellschule zur Beschulung der Kinder und Jugendlichen entwickelt. Aufgrund der wachsenden und sich verändernden Bedarfssituation wurde – in enger Abstimmung mit der kommunalen Jugendhilfeplanung – in den letzten zehn Jahren insgesamt 16 voll- bzw. teilstationäre Außenwohngruppen im Köln/Bonner Raum ins Leben gerufen. Speziell für die Stadt Bonn werden derzeit in Anlehnung an eine sozialräumliche Grundkonzeption Jugendhilfebüros zur Umsetzung ambulanter und präventiver Hilfeformen in verschiedenen Stadtteilen vorbereitet. Ebenso entstand ein weiteres schulisches Kooperationsprojekt im Bonner Zentrum.
Qualifizierungsmaßnahmen verstärkt
Aufgrund der immer problematischer werdenden beruflichen Perspektiven für Jugendliche aus erzieherischen Hilfen, arbeiten wir derzeit unter anderem sehr stark an dem weiteren Ausbau unserer Qualifizierungs- und Beschäftigungshilfen für Jugendliche. Hier sind bereits eigene Ausbildungsmöglichkeiten in verschiedenen Berufsfeldern entstanden.

Wir orientieren uns bei der Entwicklung unserer Angebote an den konkreten Lebenswelten, betrachten die Lebenslagen der Hilfeadressaten. In diesem Zusammenhang sind auch präventive und sozialräumlich bezogene Angebote wie etwa die mobile Jugendarbeit sowie Schul- und Ausbildungsprojekte entwickelt worden. Damit erfolgt insgesamt eine Orientierung an den so genannten Strukturmaximen erzieherischer Hilfen, wie sie u. a. in den Bundesjugendberichten der vergangenen Jahre Schritt für Schritt dargestellt worden sind.
Grundlegendes Ziel der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen ist die Entlastung der Heranwachsenden und der Herkunftsfamilie, wobei möglichst eine spätere Rückführung angestrebt wird. Sollte eine Rückführung nicht möglich sein, bestehen vielfältige Möglichkeiten, dem Kind/dem Jugendlichen „Heimat“ zu werden und dabei all die notwendige Geborgenheit und Liebe zu vermitteln. Sofern ein längerer Verbleib in der Fremderziehung erforderlich ist, streben wir eine Unterbringung in einer unserer dezentralen, lebensweltorientierten Außenwohngruppen bzw. familienanalogen Wohnformen an. Bei sehr jungen Kindern wird ggf. die Vermittlung in eine Pflege- oder Adoptivfamilie eingeleitet. Ältere Jugendliche oder junge Volljährige werden von uns auf den Aufbau eines eigenständigen Lebensumfelds vorbereitet.
Einen inhaltlichen Schwerpunkt im Bereich der stationären erzieherischen Hilfen setzen wir seit einigen Jahren in sehr unterschiedlichen intensivpädagogischen Angeboten. Hier muss phasenweise beim einzelnen Kind/Jugendlichen die oben genannte Zielsetzung unmittelbarer Beziehungsaufnahme zugunsten verhaltensmodifizierender Ansätze zurücktreten.
Familie im Mittelpunkt

Im Zentrum aller erzieherischen Hilfen hat nach unserer Auffassung die Familie zu stehen. Daher sehen wir unsere Arbeit primär als eine familienunterstützende bzw. familienergänzende Tätigkeit. Selbst wenn das Kind, der Jugendliche in einem anderen Umfeld lebt, so bleibt doch der emotionale Bezugspunkt in der Regel die Herkunftsfamilie. Diese gilt es soweit wie möglich zu unterstützen und im positiven Sinne zu fördern. Dem dienen insbesondere verschiedene Methoden der Eltern- und Familienarbeit.
Die dargestellten erzieherischen Hilfen werden von fachlich qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erbracht, deren kontinuierliche Fortbildung und Qualifizierung durch entsprechende interne und externe Veranstaltungen sichergestellt werden. Dabei sind wir unter anderem kontinuierlich und systematisch von einer externen Organisationsberatung begleitet worden. Wir verstehen uns als lernende und in diesem Sinne auch als fehlerfreundliche Organisation.
Seit einigen Jahren betten wir unsere gesamten Tätigkeiten in eine systematische Qualitätsentwicklung basierend auf den Kernprinzipien des Total Quality Management (TQM) ein. Ziel der Qualitätsentwicklung innerhalb unserer Einrichtung ist es, das Erreichen der dargestellten Qualitätsziele und Qualitätsstandards sicherzustellen, diese kontinuierlich weiterzuentwickeln und an Veränderungen im Bedingungsgefüge erzieherischer Hilfen anzupassen. Dieses Ziel wollen wir durch die Anwendung von Methoden der European Foundation for Quality Management (EFQM) erreichen.
Kooperative Partnerschaft
Wir sehen uns prinzipiell als Partner der unterschiedlichsten Dienste öffentlicher wie freier Träger der Jugendhilfe, der Schulen, der Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie anderer Dienste der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Im Sinne bestmöglicher Ergebnisse für die uns anvertrauten Menschen, streben wir eine funktionierende Zusammenarbeit und – wo immer sinnvoll und möglich – eine strukturelle Kooperation an.
Als Basis unseres fachlichen Handelns verstehen wir das Hilfeplanverfahren gem. §36 KJHG. Unter Beteiligung und Einbeziehung der betroffenen Menschen setzen wir die grundsätzlichen Zielsetzungen des Hilfeplans mittels einer strukturierten Erziehungsplanung / Maßnahmenplanung um. Der Prozess der Zielerreichung wird dabei regelmäßig überprüft, dokumentiert und der aktuellen Bedarfslage des Kindes, Jugendlichen oder der Familie angepasst.

