UMA

BETREUUNG MINDERJÄHRIGER AUSLÄNDER

BELEGUNG

Anfragesituation in Bezug auf unbegleitete minderjährige Ausländer. Zu Beginn der Flüchtlingswelle wurden von Sommer 2015 bis Anfang dieses Jahres Inobhutnahme-Plätze besonders stark angefragt. Die Belegung der Jugendschutzstelle lag zwischenzeitlich bei 37 Jugendlichen. Mittlerweile werden Jugendliche auch in Wohngruppen untergebracht: In Ließem, Lind, Süchterscheid, im Erich- Kästner Haus, im Intensivbereich und in der Interkulturellen Wohngruppe im Haus 8/12. Ende November 2015 öffnete dann die WG in der Hochkreuzallee mit 12 Plätzen.

Mit Schließung der Grenzen wurde der Zustrom neuer UMA vorerst gestoppt. Die aktuellen Anfragen, die nicht nur aus Bonn, sondern auch von außerhalb kommen, beziehen sich auf Wohngruppen und Verselbständigungsangebote. In Bonn plant Falk Tscherney, Teamkoordinator Inobhutnahme/Clearing die Weitervermittlung der Jugendlichen gemeinsam mit Matthias Bisten vom Fachdienst für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge der Stadt Bonn. Aktuell betreuen wir in der EJG insgesamt 76 Flüchtlinge.

 

GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG MIT UMAs.

Umgang mit Haushaltsmaschinen: Viele Jugendliche benötigen intensive Anleitungen für Spülmaschine, Mikrowelle, Waschmaschine & Trockner.

Witzige Erfahrung mit einem Jugendlichen aus Eritrea: Nach Gebrauch des Wäschetrockners zeigte ich ihm, dass er das Flusensieb reinigen solle. Ich gestikulierte Richtung Mülleimer - der Jugendliche nahm die Flusen aus dem Eimer und legte diese in das Sieb. Nach einer weiteren Erklärung mit Handzeichen legte der Jugendliche das gesamte Sieb in den Mülleimer. Nachdem ich ihm dann vorführte, was ich meinte, lachte er über sich selber und entschuldigte sich.

Schön & lecker: Am Wochenende kochen die Jungs die unterschiedlichsten Gerichte aus ihren Heimatländern: Somali, arabisch, kurdisch, iranisch, afghanisch, albanisch usw. Es schmeckt allen richtig gut und ist auch für alle eine tolle Erfahrung - … aber ich werde angeguckt wie ein Pferd, wenn ich mal einen Schuss Milch in die Tomatensoße gieße oder Käse über den Auflauf lege.

Problematisch: Man sollte eigentlich annehmen, dass die Jungs gerade aufgrund ihrer speziellen und meist vergleichbaren schlimmen Erlebnisse zusammenhalten würden. Leider kommt es aber immer wieder zu Feindseligkeiten zwischen den Nationalitäten; zu Diskriminierungen von Araber gegenüber Albanern, Afghanen gegen Iraner und andersrum und von Kurden gegenüber Somali und Eritreern. Auch Frauen- und Schwulenfeindlichkeiten kommen vor. Da diese Vorurteile kulturell bedingt und meist unreflektiert anerzogen wurde, kann man einen Jungen für solch eine Äußerung nicht einfach als „doof“ abstempeln. Trotzdem - oder gerade deshalb - ist es für uns unheimlich schwer, dies mit den Jugendlichen zu besprechen und die festgefahrenen Vorurteile zu reflektieren.

 

Ein kleiner Blick in die tägliche Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Fluchthintergrund

(Namen sind verändert)

Begleitung zu einem Termin bei der Berufsberatung

Hr. X hat seine Beschulung mit Ende des Schuljahres 2016 absolviert. Er hat keinen Abschluss erreicht, sondern lediglich ein Abgangszeugnis erhalten. Er tritt einerseits souverän auf, ist jedoch im Innersten verunsichert und gehemmt.
Deutsch zu sprechen, die Sprache zu verstehen und anzuwenden, allenthalben auf ein gebräuchliches Schriftdeutsch zugreifen zu können- ist nicht ausreichend entwickelt. Er verweist darauf und meidet es, sich auf Bewerbungsverfahren einzulassen.
Es bedarf vermehrter Anstrengungen, ihn dazu zu bewegen, sich auf ein spezielles Förderangebot einzulassen.
Jedoch verfügt er trotz allem auch über ein gehörig´ Maß an Humor. Als der Mitarbeitende den Fahrstuhl nutzen möchte und nicht das Treppenhaus und dies mit Beschwerden sowie Geräuschen im Knie begründet, wendet er sich ihm zu und sagt:“ Kein Öl?“

Unterstützung beim Lernen der deutschen Sprache

Der Jugendliche bringt ein fundiertes Wissen aus seinem Heimatland Irak mit. Dort hätte er in diesem Jahr möglicherweise ein Studium aufgenommen. Jedoch bedarf es hier, sich Basiswissen anzueignen. Also wird auch in den Sommerferien täglich geübt- sein eigener Wunsch. In einer dieser Lernphasen soll er einen Satz bilden, in dem das Verb „ besitzen“ Verwendung findet. Sein erster Beitrag lautet: „ Ich habe eine Panzerfaust“, zeigt auf eine entsprechende Darstellung im Bilder-Duden und macht ein sehr ernstes Gesicht.

Grundsätzliches / Eine Geschichte

Nachdem Zeiten fürchterlichen Leidens, Not, Ausweglosigkeit den Kriegsalltag in der Heimat geprägt haben, hat sich doch so etwas wie Hoffnung und damit einhergehend eine minimale Chance verhaltenen Glücks ergeben. Es wird der Gedanke der Flucht immer öfter erwogen und schließlich unter Aufwendung sämtlichen Mutes gegenüber den Eltern ausgesprochen.
Diese sind zu Anfang erschüttert, sehen jedoch später ein, dass dies zumindest einem ihrer Familie vielleicht eine Zukunft bescheren könnte.
Unter Einbeziehung der Eltern, der Familie sowie etlicher Verwandter wird ihm die Flucht in die Türkei ermöglicht. Von da aus- so ist der Plan- soll es weitergehen nach Deutschland.
Alle haben jetzt noch mehr Angst, vom Regime gemaßregelt zu werden. Wird man es geheim halten können, dass der Sohn nicht mehr da ist und aber er die Familie vorerst nicht mehr unterstützen kann? Wird man ihnen glauben, wenn sie ihn als tot erklären, im Verlauf eines Angriffs umgekommen zu sein? Reichen die Mittel aus, die man in seine Flucht investiert hat? Wann erhalten sie eine Nachricht von ihm, dass er in Deutschland angekommen ist?
Er hat in seiner Heimat die Schule erfolgreich durchlaufen und mit einem passablen Ergebnis abgeschlossen. Er hätte damit in der Heimat ein Studium aufnehmen können und auch sollen. Er hätte seine berufliche Zukunft in die Hand nehmen und somit irgendwann auch seine Familie unterstützen können. Vielleicht würde er Architekt werden oder Ingenieur? Vielleicht würde er in einem Labor arbeiten oder Pharmazeut werden?
Hier in Deutschland angekommen- der lange Weg über viele Länder Europas ist endlich geschafft- sehen die Verhältnisse jedoch etwas nüchterner aus.
Keine Zeit, sich von der Flucht ausruhen zu können in einer Umgebung, die dafür geeignet ist. Das Gefühl der Enge- es besteht weiterhin, wenn auch nicht mehr existentiell geprägt. Wann geht es weiter? Er möchte da weitermachen, wo er in seiner Heimat aufgehört hat.
Er möchte seiner Familie helfen. Hier in Deutschland sind bereits mehrere Cousins. Sie haben Familie, der eine oder andere einen Beruf, durch den er genug Geld verdient. Das möchte er auch.
Es wird viel von ihm verlangt, vor allem Geduld. Und da sind auch noch das Ausländeramt und damit auch sein Asylantrag. Seit einem halben Jahr wartet er auf einen Termin zum Interview!
An einem der heißen Tage des Sommers wird ihm eine Frage gestellt:
“ Sagen Sie mal, wie ist das in ihrer Heimat, wenn es so heiß ist. Arbeitet man dann eher morgens und abends? “
„ Mittags ist es so heiß, dass man gar nicht arbeiten kann. Hier in Deutschland arbeitet man den ganzen Tag. Bei uns zu Hause ist mittags Schluss.“
„ Und dann geht es abends noch einmal in den Job? “
„ Neineinein! Schluss ist Schluss! Dann ist die Arbeit zu Ende.“

Als ich mit Herrn X. beim Hautarzt saß und wir erfuhren, dass er die Krätze hat, sagte er nur nüchtern und belächelnd: „Tja, Frau Y, so ist das, wenn man mit 500 anderen Leuten in Libyen im Gefängnis sitzt.

 

KOMMUNIKATION

Erlebnisse. Erfahrungen.Anekdoten.

Schwierig für uns, aber auch für die UMAs stellt sich natürlich die Kommunikation dar. Wir versuchen alles, um uns verständlich zu machen: Da werden Bildchen gemalt, wild gestikuliert und auch mal in einem lustigen Deutsch-Englisch-Französisch-Mix gesprochen. Dennoch ist dies für die Jungs oft eine sehr unbefriedigende Situation, da sie ohne Dolmetscher nicht wirklich die Möglichkeit haben, sich auszudrücken und ihr Anliegen hervorzubringen.

Bittere Erlebnisse: Krieg. Tod. Flucht. Traurig und geschockt sind wir, wenn die Jugendlichen von ihrer Vergangenheit in den vom Krieg erschütterten Gebieten erzählen: So sind sie teilweise als Kinder von Banden in den tiefsten Urwald verschleppt worden, mussten dort bereits im Kindesalter als Soldaten kämpfen. Sie konnten ihr Leben retten indem sie im Schutz der Dunkelheit, meist sogar unter Beschuss, flohen und ihr Land verließen.

Andere entgingen nur haarscharf dem Tod als Luftangriffe über Syrien geflogen wurden. Einige mussten ihre Dörfer verlassen, weil sie sich nicht der Willkürherrschaft der IS beugen wollten. Geschichten der Flucht, auf der fast alle Jugendliche andere Menschen sterben sahen. Von überfüllten Booten, die zu kentern drohten oder von Jugendlichen, die nach einem Schiffsbruch teilweise selbst mehrere Stunden im Wasser trieben bevor sie gerettet werden konnten. Sie erzählen von ausländischen Gefängnissen, wo sie schwer misshandelt und verletzt wurden.

Solche Geschichten gehen uns sehr ans Herz. Ich glaube, für uns Deutsche, die in einem so sicheren Land aufgewachsen sind, ist es unvorstellbar, was diese Jugendlichen erlebt haben und durchmachen mussten.

Anekdötchen. Lustiges. Alltägliches. Es gibt immer wieder Anlass zum Lachen, auch oftmals auf die Schwierigkeiten der Kommunikation zurückzuführen. Ein kleines Anekdötchen: Ein Jugendlicher kommt ins Büro und sagt in vollem Ernst: „Bitte obenrum freimachen!“ Schallendes Gelächter auf unserer Seite, erstauntes Gesicht beim Jugendlichen. Auf unsere Rückfrage wiederholt er seinen Satz noch einmal, denn den hatte er sich doch extra aus einem Wörterbuch aufgeschrieben: „Bitte obenrum freimachen!". Es dauerte einige Minuten bis klar wurde, dass er gerne oben im Haus sein Zimmer aufgeschlossen haben möchte.

Schwimmen können - oder nicht. Sehr schön war auch die Erfahrung der Kollegin beim Schwimmabzeichen. Alle Jugendlichen beteuerten, dass sie SEHR GUT schwimmen könnten. Im Schwimmbad war dann aber schnell klar, dass dies wohl nicht ganz der Wahrheit entsprach. Zwar konnten sich alle einigermaßen über Wasser halten, aber nach „SEHR GUT schwimmen“ sah es ganz und gar nicht aus. Auch das Tauchen nach einem Ring zeigte sich, dass die Definitionen von einer guten Schwimmfähigkeit wohl relativ weit auseinander drifteten. Im Kinderbecken bestanden dann aber alle Jugendlichen auch die Tauchprüfung. Hinterher war der Stolz umso größer.

 

FERIENFREIZEIT

Yalla! Yalla! Moin! Moin!

Mit unseren UMAs  (Amir, Arif, Esmatullah, Fardin, Hasan, Mohamed und Sharif) sind wir am 15. August nach afghanischer Pünktlichkeit gegen 9.00 Uhr aus Köln losgefahren (nach deutscher Pünktlichkeit wäre es um 8.00 Uhr gewesen). Um 15.45 Uhr sind wir in Tönning, Nordfriesland in der Jugendherberge angekommen.

Nach dem Auspacken und einem leckeren Abendessen haben wir uns den Strand von St. Peter Ording angesehen. Der Strand ist 12 km lang und 2 km breit. Die Jungs hatten viel Platz, um Fußball zu spielen; einige mutige Füße berührten zum ersten Mal die Wellen der Nordsee. Wir hatten schöne sonnige Tage, so dass wir fast täglich zum Strand nach St. Peter Ording fuhren.

Unter der Anleitung von Edith Kapper übten die Jungs im hüfttiefen Wasser Stand-Up-Paddeln und hatten viel Spaß dabei. Es wurden Schwimmversuche  unternommen oder einfach nur geplanscht, eine Schwimmweste war immer dabei, denn sicher ist sicher. Im Wasser begegneten Nicole und Sharif einer Robbe, erschrocken guckten sich sechs Augen an - um dann friedlich auseinander zu schwimmen.

An einem Abend gab es im Packhaus Krabbenpulen mit Shanty Chor, ein Erlebnis der besonderen Art. Es wurde geschunkelt und gesungen nach norddeutscher Art. Die Jungs haben begeistert mitgeschunkelt, gesungen und dabei ihren eigenen Rhythmus mit eingebracht. In regelmäßigen Abständen kam die Ansage einzelner Jungs: „Ich  habe eine Frage“ oder „Ich hab da ein Problem, Frau Jung (John)/Frau Kapper/Frau Nicole (Rolf)“. Sie waren für alles zu begeistern, ob lange Spaziergänge mit Fotoshootings, Longboard fahren, Kirmesbesuch, Schifffahrt auf der Eider, Sonnenuntergang am Westerhever Leuchtturm, Stadtbummel oder einfach nur Chillen beim „Deichflieger“ (Bistro).

Auf unseren abendlichen Spaziergängen entlang der Eider wurden wir von Fardin fürsorglich mit frischem Obst vom Wegesrand versorgt (Brombeeren und Mirabellen). Unsere Jungs erwiesen sich auch als die wahren Gentlemen, trugen unsere schweren Taschen und boten uns immer ihre Hilfe an. Wir haben alle miteinander die Zeit sehr genossen, die wir überwiegend in der Gemeinschaft verbracht haben. Mit dieser Gruppe würden wir jederzeit gerne wieder verreisen. Arifs Kommentar dazu: „Wenn ich nicht mehr in der Jugendhilfe bin, möchte ich auf eigene Kosten gerne wieder mitfahren.“

Team 128: Inse John/Edith Kapper/Nicole Rolf

 

Zum Weiterlesen:

http://stadtgrenzenlos.de/2016/05/31/unbegleitete-minderjaehrige-fluechtlinge%e2%80%a8zwischen-autonomiestreben-und-hilfebedarf/

http://stadtgrenzenlos.de/2016/08/01/sprache-als-schluessel-zur-integration/

http://stadtgrenzenlos.de/2016/08/01/wereporter-sitzung-am-28-07-2016-einblicke-in-die-arbeit/

https://www.youtube.com/playlist?list=PLLS5BG3HZ71DRonZftEUBrJ1ef2FVl6NA